Beim diesjährigen Ausflug des Musikvereins Steingaden wurde Kultur groß geschrieben. Als eines der Ziele hatten sich die Musikerinnen und Musiker das Schloss Hohenschwangau ausgesucht. Trotz der Nähe zum bekannten Schloss hatten erstaunlich wenige der Musikerinnen und Musiker das Schloss bereits besucht. Ein besonderer Vorteil dieses Ziels war, dass Musikkamerad Herbert Dressel seit vielen Jahren als Führer im Schloss tätig ist und so eine Sonderführung für seine KameradInnen organisieren konnte. Am Samstag, den 11. Oktober versammelten sich die Musikerinnen und Musiker schließlich am Vormittag zunächst in der Bäckerei Schuster zum Weißwurstfrühstück, um ihre menschlichen Grundbedürfnisse zu befriedigen, um dann voll aufnahmefähig für das Kulturprogramm und die Ausführungen des Schlossführers zu sein. Viele waren bereits mit Rucksäcken und Wanderutensilien ausgestattet, da nach der Führung im Schloss ein Aufstieg zur Fritz Putz Hütte inklusive Hüttenabends mit Übernachtung geplant war. Auch zahlreiche Beerdigungsmusiker und -musikerinnen gesellten sich zu den „Kulturreisenden“ hinzu. Gut gestärkt brachen die über 30 Ausflügler gegen halb Zwölf in Richtung Hohenschwangau auf. Nach der für manche weniger komfortablen und von ersten Denkspielen geprägten Anfahrt meisterten die Steingadener Musikerinnen und Musiker erfolgreich den ersten Anstieg zum Schloss. Dort begrüßte sie Schlossführer Herbert und führte sie wie die Könige über die große Eingangstreppe in sein „Schloss“. Gekonnt routiniert fasste Herbert die Geschichte dreier Jahrhunderte in nur drei Sätzen zusammen und gab allen, die die Schulbank schon länger nichtmehr gedrückt hatten, einen guten geschichtlichen Überblick. In seiner über einstündigen Spezialführungen zeigte er den Musikerinnen und Musiker die Wohnräume, die einst Max I. von Bayern als „Sommerhäuschen“ für sich und seine Familie eingerichtet hatte und die von insgesamt drei Generationen über 80 Jahre hinweg bewohnt worden waren. Von der Dachterrasse aus konnten die Musikerinnen und Musiker trotz der niedrig hängenden Wolken und frischen Temperaturen einen schönen Ausblick auf Schloss Neuschwanstein und die vier umliegenden Seen genießen und nutzten die Gelegenheit für ein Gruppenbild. Neben zahlreichen Kunstgegenständen gibt es im Schloss viele Wandgemälde zu sehen, in denen Auszüge von Legenden und Sagen wie Lohengrin und den Nibelungen dargestellt sind. In seinen Erläuterungen dazu hob Schlossführer Herbert besonders hervor, dass es sich bei den leicht bis nicht bekleideten weiblichen Wesen, die die Wände des Königsgemach zieren, um sogenannte Nymphen und folglich Fabelwesen handle. Diese dürften nicht mit nackten Frauen verwechselt werden, die es angeblich tatsächlich gebe. Wissendes Kopfnicken der Musiker schien diese These zu bestätigen. Das Königsgemach sei zudem über einen geheimen Gang mit dem Gemach der Königin im Stockwerk darunter verbunden gewesen, den die Königin allerdings habe absperren können. Auch auf den künstlichen Sternenhimmel, den König Ludwig II., der das Schloss ebenfalls bewohnt hatte, installieren lies und dessen technische Umsetzung mit lichtleitenden Glasstäben ging der Schlossführer ein. Im großen Wandbild zur Schlacht der Goten, das im Stil der Romantik gänzlich ohne Blut auskommt, meinten einige eine Prophezeiung über den Zustand der Musikerinnen und Musiker am Ende des bevorstehenden Abends zu erkennen. Woran sie dies festmachten, erschließt sich dem objektiven Betrachter allerdings nicht. Auch eine Darstellung von einigen Mönchen aus dem Kloster Steingaden ist im Schloss zu finden und somit eine Referenz zur Lokalgeschichte. Nachdem sie gegen Ende der Führung auch ein ausgesprochen altes aber schönes Brot bestaunen konnten, verließen die Musikerinnen und Musiker das Schloss über das Dienstbotentreppenhaus und kehrten somit auf den Boden der Tatsachen zurück.
An dieser Stell sei unserem Musikkameraden Herbert ein herzliches Dankeschön für die ausgesprochen interessante, kurzweilige und humorvolle Führung gesagt, die im weiteren Verlauf des Tages immer wieder lobend erwähnt wurde.
Gut ein Drittel der Kulturreisenden verabschiedete sich nach der Führung von den Ausflüglern und trat teils mit Zwischenstopp zur Einkehr die Heimreise nach Steingaden an. Der Rest der Truppe wappnete sich mit seinen Rucksäcken und trat nach einer ersten sehnlich erwarteten Erfrischung gegen 14 Uhr den Aufstieg in die Bleckenau an, der üblicherweise knapp zwei Stunden dauert. Bereits die erste Querung eines Bachbetts zwang die Truppe zu einer kurzen Pause, um die Vollzähligkeit zu prüfen und eine weitere kleine Erfrischung nach dem ersten Dutzend Höhenmeter zu sich zu nehmen und so die Weichen für einen komplikationsfreien Aufstieg zu stellen. Hätten die Musikerinnen und Musiker zu diesem Zeitpunkt bereits geahnt, wie herausfordernd der Aufstieg noch wird, wären die Proviantplanungen vermutlich gewissenhafter ausgeführt worden. Nach einigen weiteren gefährlich scharfen Kurven, die die Gruppe aus Sicherheitsgründen und wegen starken Gegenverkehrs erneut zu weiteren Pausen zwangen, erreichten sie schließlich die Teerstraß in Richtung Schloss Neuschwanstein. Dieser folgte die Gruppe und sah sich kurz darauf mit einem Gewimmel aus planlos umherirrenden Touristen konfrontiert. Dieser Gefahr konnte nur durch zahlreiche regelmäßige Pausen zur Wiedervereinigung der Gruppe begegnet werden. Nachdem die Gruppe das Schloss passiert hatte, konnte sie ein ahnungsloses Touristenpärchen, das ob der lärmenden, inzwischen in Blasmusik schwelgenden Truppe etwas verunsichert wirkte, dazu überreden, ein Foto der Gruppe zu schießen. Selbstverständlich wurde das Paar für diese Serviceleistung mit einer kleinen Erfrischung reich entlohnt. Nachdem die Gruppe die „Jugend“ passiert hatte, schlug sie den Wasserleitungsweg in Richtung Bleckenau ein. Auf diesem Pfad sollte sie vor eine echte Zerreißprobe gestellt werden. Bei nach wie vor guter Stimmung rückte die Gruppe zunächst in gutem Tempo vor und kleinerer Probleme wie witterungsbedingt kalte Klarinettenfingerchen wurden von sanft-warmen Dirigigentenhänden gelöst. Aus Gründen, die nicht mehr genau rekonstruiert werden können, zerfiel die Gruppe allerdings zunehmend in zwei Teile. Was zunächst von keinem als Risiko erkannt wurde, nahm kurze Zeit später ein gefährliches Ausmaß an. Als schließlich der Sichtkontakt der beiden Gruppen gänzlich abbrach drohte sich Panik auszubreiten. Nur dem beherzten Eingreifen einiger umsichtiger Musikerinnen und Musiker, die unabhängig voneinander in beiden Gruppen sofort Notpausen anordneten und beruhigende Erfrischungen verteilten, ist zu verdanken, dass weiter nichts Schlimmeres passierte. Getrennt voneinander kämpften sich die beiden Gruppen den äußeren Umständen trotzend unablässig und in ständiger Ungewissheit am Berg voran. Eine Gruppe aus drei in Anbetracht der Witterungsbedingungen ausgesprochen leicht bekleideten Amerikanern stellte die Rettung für die gesamte Gruppe dar. Als diese dem zweiten, leicht abgeschlagenen Trupp begegnete, konnten diese berichten, dass der andere Teil der Gruppe nur wenige Sekunden Vorsprung habe. Dies ließ die Nachzügler neue Hoffnung schöpfen und so dankten sie es den drei Amerikanern nach einer kurzen Unterhaltung mit einer kleinen Erfrischung. Frisch motiviert setzten sie sodann den Aufstieg fort und konnten tatsächlich bereits wenige Meter später den Stoßtrupp erspähen. Die Freude war groß, als beide Gruppen nach langer Trennung endlich wieder vereint waren, was natürlich gefeiert wurde. Wiedervereint bewältigte die Wandergruppe gemeinsam die letzten Höhenmeter und konnte bei flachem Verlauf des letzten Wegstücks den Puls wieder normalisieren. Auf den letzten Metern begann sich allerdings erneut Unruhe auszubreiten. Gerüchte über zu neige gehende Getränkebestände machten die Runde und verunsicherten viele. Doch dann war das lang ersehnte Ziel endlich in Sicht. Die Bleckenau. An der Holzerhütte erspähte einer der Musiker überraschend einen entfernten Verwandten, der die kritische Situation der MusikerInnen sofort erfasste und den dürstenden Wanderern Linderung gewährte. Schließlich meisterte die Gruppe auch noch die letzten Meter bis zur Fritz Putz Hütte und das Ziel war endlich erreicht – nach nur dreieinviertel Stunden.
Dort wartet bereits der Hüttenwirt sehnlichst darauf, sein Fachwissen zum Thema Bettwanzenbekämpfung an die Übernachtungsgäste weiterzugeben. Nach der gut 15-minütigen Belehrung, die auch einen Exkurs zum Thema „Metall und sein Verhalten in der Mikrowelle“ enthielt, durften die Steingadener unter strengsten Sicherheitsmaßnahmen schließlich die Bettenlager betreten und sich einrichten. Ein zweiköpfiger Spezialtrupp aus Tubisten hatte sich für die Bewältigung der Höhenmeter mit dem Fahrrad entschieden und war bereits deutlich vor den Wanderern angekommen. Von den Höhenmetern noch nicht ausgelastet hatte der juvenilere Teil des Duos in weiser Voraussicht bereits Holz gehackt und den Ofen in der Küche eingeheizt. Mit knurrenden Mägen machte sich ein Küchenteam schließlich an die Zubereitung von Kässpatzen. Ein wenig emotional wurde es dabei beim Vorbereiten der Zwiebeln, die mit ihrer Schärfe zahlreiche Tränen zum Fließen brachten. Der Vorstand höchstpersönlich nahm sich schließlich dem fachgerechten Andünsten der Zwiebeln an und vollendete so nach einem kurzen Feuermeldertest den wichtigsten Kässpatzenbestandteil. Nach knapp 45 Minuten emsigen Zubereitens standen endlich drei große dampfenden Töpfe mit sensationell guten Kässpatzen auf der langen Tafel, die zwischenzeitlich in der Stube aufgebaut worden war. In überraschend kurzer Zeit leerten sich die Töpfe, was als großes Kompliment an das Küchenteam zu verstehen ist. Ein herzliches Dankeschön an die fleißigen Köchinnen und Köche! Wohlgestärkt starteten die Musikerinnen und Musiker in den Abend und versuchten sich an unterschiedlichen Spielen, während ein kleiner Putztrupp die Reste der Küchenschlacht beseitigte. Nun kam auch Dirigent Weiß zum Zug, dem der Titel „Uno-König“ vorauseilte, wobei er, wie sich zeigen sollte, diese Rolle leicht dominant ausübte. Penibel genau wurde die Einhaltung der Regeln kontrolliert und jeder noch so kleine Regelverstoß mit Strafkarten sanktioniert. Ob zu langsam, zu schnell, falsche Farbe oder täuschend echtes „Mau Mau“ – dem Dirigenten entging nichts. Kein Wunder, dass sich der Frust der Mitspieler teilweise in verbalen Entgleisungen wie „du blöde Kuh“ entlud. Dennoch schienen die Musikerinnen und Musiker großen Gefallen an dem Spiel gefunden zu haben. Zur fetzigen Hüttenstimmung trug maßgeblich die Life-Musik von Wolfi Gasser mit seiner Ziach und Johannes Nöß auf der Gitarre bei. A Musi, a Bier, holadiro – was will man mehr? Richtig, ein Lagerfeuer! Wie gut, dass der juvenile Teil des Tubenregisters erneut die Axt geschwungen und ein gemütliches Lagerfeuer hinter der Hütte entzündet hatte. Nach und nach sammelten sich die Musikerinnen und Musiker wie die Motten ums Licht und auch die Gitarre fand samt Spieler und Lagerfeuerliederbuch ihren Weg hinaus. Sollten sich im Gebiet um die Bleckenau Bären oder Wölfe gefunden haben, dürften sich diese allerdings in Rekordzeit wieder weit hinter die italienische Landesgrenze zurück gezogen haben. Doch etwa nicht wegen der Gitarrenklänge. Diese hallten makellos in die Nacht und brachten jedes nur minimal romantisch veranlagte Herz zum Schmelzen. Aber der Gesang… Was soll man sagen – es lässt sich schwer leugnen, dass der Musikverein nicht der Kirchenchor ist. Nachdem das letzte Stück Holz verglüht war, zog es die Ausflügler wieder in die Hütte hinein, wo erneut gesellige Spielerunden oder traute Gespräche in Zweisamkeit auf dem Plan standen. Auch das Tanzbein wurde geschwungen und unter anderem für Gleichgewicht und Koordination anspruchsvolle Choreografien einstudiert. Zu weit fortgeschrittener Stunde beschäftigten sich die Musikerinnen und Musiker nochmals eingehend mit dem Zahlenraum bis 70 und dem kleinen Einmaleins. Einem jeden Grundschullehrer wären angesichts der lausigen Performance die Tränen in die Augen gestiegen. Nach einer gefühlten Ewigkeit hatten es die Musikerinnen und Musiker mit vereinten Kräften endlich geschafft einmal ohne Fehler bis 70 zu zählen und beendeten mit diesem Erfolg den ereignisreichen Tag. Nachdem auch die letzten, der für alle sich in der Hütte schlafen gelegt Habenden, gut hörbaren Gespräche verklungen waren, legte sich ein mehrstimmiges Sägen über die Hütte.
Eine Hand voll motivierter Musikliebhaber, die sich für eine Teilnahme am Bezirksorchester entschieden hatten, verließ bereits früh am Morgen ihr Lager und machte sich auf den Weg zur ersten Probe dieses Orchesters. Allerdings hatte sich bei manchen Mitgliedern des Tuba-Spezialtrupps ein Fehler in der Planungsmatrix eingeschlichen, sodass deren Abreise auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Erst die Ankunft des Hüttenwirts brachte den befreienden Kniff oder um es mit anderen Worten zu sagen: „Geduld ist der Schlüssel zur Freude“. Nach dem Fachmännischen Öffnen schwerer Vorhängeschlösser stand einer Abfahrt ins Tal nichts mehr im Weg. Nach und nach erwachten auch die anderen Musikerinnen und Musiker und nach einem deftig süßen Frühstück mit Hartwurst, Nutella und starkem Kaffee wurde die Hütte einer gründlichen Reinigung unterzogen. Nachdem das Ergebnis vom Hüttenwirt abgenommen wurde, wurden die letzten Reste Proviant verpackt und gegen viertel nach 10 machte sich die Gruppe an den Abstieg ins Tal, der bedeutend schneller als der Aufstieg von statten ging. In einer besonders schönen Kurve wurden schließlich die letzten Reste Hartwurst und Brot gemeinsam verzehrt und dann der Weg fortgesetzt. Ohne nennenswerte Zwischenfälle erreichte die Gruppe nach ca. eineinviertel Stunden das Tal. Auf dem Heimweg kam ihnen allerdings der Schwangauer St. Colomansritt in die Quere, der die Ankunft deutlich verzögerte und sämtliche in den Stau verwickelten Fahrer zu wildesten Manövern verleitete. Und so ging schließlich dieser Ausflug am frühen Nachmittag zu Ende. Im Endeffekt kann dieser quasi als ausgesprochen lehrreich, unterhaltsam und pfundig bezeichnet werden. Oder it?




